Zeitzeugengespräch - Eine Reise in die Vergangenheit

Von Kiana, Kimia und Lara, 10a | 03. Juni 2021

Im Rahmen des Geschichtsunterrichts der 10. Klasse bot sich unseren Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit zu einem Zeitzeugengespräch. Drei Schülerinnen berichten.

 

Die Geschichte Deutschlands ist geprägt von Höhen und Tiefen, welche selbst heutzutage einen starken Einfluss auf unseren Alltag haben. Im Geschichtsunterricht werden Schülerinnen und Schüler über diese prägnanten Geschehnisse der Vergangenheit aufgeklärt und belehrt - seien es die Goldenen Zwanziger oder die düsteren Kriegsjahre.

In Klasse 10 liegt hierbei ein besonderes Augenmerk auf dem Zweiten Weltkrieg samt dessen Kriegsverlauf und der Nachkriegszeit. Der langjährige Zweite Weltkrieg kam am 8. Mai 1945 zu seinem Ende, als es zur bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht kam. Auch wenn dieser Tag mittlerweile 76 Jahre zurückliegt, darf das Leid nicht in Vergessenheit geraten. Doch wie gelingt es vor allem den heutigen Generationen sich an diese Zeit zu erinnern, wenn die einzigen Quellen für das Sammeln von Wissen und Erkenntnissen Bücher und Texte sind? Herr W., welcher in seinen jungen Jahren die unmittelbare Härte des Krieges zu spüren bekam, bot der Klasse 10A die einmalige Möglichkeit, sich in das Leben eines Zeitzeugen hineinzuversetzen, indem er die Klasse über eine Videokonferenz mit auf eine Reise in die Vergangenheit und seine Erinnerungen nahm.

 

Herr W. ist momentan 82 Jahre alt und lebt mit seiner Familie ein ruhiges Leben. Seine Kindheit sah jedoch ganz anders aus. Kurz vor Beginn des Zweiten Weltkrieges geboren, musste Herr W. im Alter von nur sechs Jahren bereits der grausamen Realität der Nachkriegszeit in die Augen schauen und viele eigene Erfahrungen sammeln - etwas, was für Kinder heutzutage beinahe unvorstellbar ist. Neujahr 1946 hieß es für die in Schlesien ansässige Familie: „Haus räumen!“, wodurch sich das bekannte Leben des Krieges schlagartig in Flucht umwandelte. Nur mit der Kleidung, die sie am Leib trugen, und den Oberbetten wurden sie per Eisenbahnwaggon in den Westen gebracht. Durch scheinbar unvorstellbares Glück blieb die Familie zusammen und kam in Fliegenberg auf einem Bauernhof unter. Allerdings war auch dieses Glück nicht gänzlich vollkommen, denn Herr W. hatte seinen Vater bis zur Flucht aus Schlesien nur drei Mal sehen können. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges konnte die Familie trotz der Hilfe des Suchdienstes des Deutschen Roten Kreuzes nicht herausfinden, was mit seinem Vater geschehen war. Lange Zeit galt er als vermisst bis er schließlich für „tot“ erklärt wurde.

Herr W. hat aber auch kleine Anekdoten aus seinem Leben erzählt und sich vor allem an die positiven Kleinigkeiten erinnert. Seine geschilderte Freude über eine Wurst oder ein richtiges Honigbrot ist vielen Schülern und Schülerinnen besonders im Gedächtnis geblieben. Auch andere kleine Szenen aus seinem Leben hinterließen Eindruck: Während der Fahrt, zum Beispiel, legte der Zug immer mal wieder kleine Pausen für die Notdurft ein, jedoch wurde auf niemanden gewartet. Aus diesem Grund hätte die Oma von Herrn W. beinahe den Anschluss verloren und konnte den Zug nur noch gerade so mit wehenden Röcken erreichen. Des Weiteren kam die Familie erst mal in eine große Halle zum Entlausen, als sie die westlichen Besatzungszonen erreichten. Dort lag so viel Entlausungsmittel in der Luft, dass nur noch eine riesige, weiße Wolke zu sehen war.

Für viele Schüler und Schülerinnen war es ein ganz besonderes und unbeschreibliches Erlebnis, diese Ehre haben zu dürfen, mit einem Zeitzeugen der Nachkriegszeit sprechen zu können. Auch wenn nach dem Gespräch alle sehr mitgenommen waren, waren sie doch auch froh, diese Möglichkeit gehabt zu haben. Vor allem aber waren sie überrascht, dass Herr W. so viel Positives erzählen konnte. Im Vorfeld wurden bereits Spekulationen angestellt und Fragen überlegt und die Erwartung war ein eher dramatisches und trauriges Gespräch - schließlich war die Nachkriegszeit eine besonders düstere Zeit in der Geschichte Deutschlands. Letztendlich war der Eindruck, den Herr W. vermitteln konnte, zwar auch von Trauer geprägt, zeigte aber gleichzeitig das Glück erst sechs Jahre alt gewesen zu sein. Denn als Kind erlebt man vieles verharmlost und kann schlimme Dinge eher verdrängen, sodass vor allem die positiven bleiben. Besonders im Gedächtnis geblieben ist den Schülern und Schülerinnen das Vertrauen, welches Herrn W. in die junge Generation hat. Er vertraut darauf, dass sie schlauer sind und sich eine solche Zeit nicht wiederholen wird.

 

Es ist 9:30 und die Geschichtsstunde ist offiziell beendet. Die Schüler und Schülerinnen der 10A sagen: „Danke!“ für dieses aufschlussreiche Gespräch!

Vor der Tür unterschreibt die Halbgruppe B die Danksagung, welche Frau Holtz zuvor verfasst hatte. Als die Schüler und Schülerinnen letztendlich den Klassenraum verließen, war ihnen eines klar: diese Stunde war ein unwiederbringlicher Moment, welchen sie niemals vergessen werden. Ein Moment, der in ihnen eine tiefe Spur hinterlassen hat und ihre Augen in Bezug auf etwas Unbekanntes geöffnet hat. Was uns allen jedoch bekannt ist, ist, dass man die besonderen Momente teilen sollte. Aufgrund dessen wollten wir Ihnen einen Einblick in unsere berührende und bewegende Geschichtsstunde gewähren.

Wir können es nicht oft genug sagen: Herrn W. gehört unsere ewige Dankbarkeit.